ROSY BEYELSCHMIDT
prometheus rides again · 2007


plan_a · plan_b · plan_c
Faltkarton-Pack, Zweig, Galeriekarton, schwarzes Bütten, ≈ 150×85×72 cm
Silbergelatinehandabzüge, Ölpastell, Xerographie, Nitro-Pigment-Drucke


„Prometheus Rides Again“ untersucht die Bruchlinien zwischen Konstruktion und Dekonstruktion, zwischen spekulativem Entwurf und der materiellen Realität von Entropie. Die Installation verdichtet diese Fragestellung in einer skulpturalen Konstruktion, deren prekäre Balance die Gleichzeitigkeit von Aufbruch und Vergänglichkeit sichtbar werden lässt.

Die Arbeit präsentiert sich als tischartige Skulptur, deren physisches Gleichgewicht an der Grenze des Unwahrscheinlichen operiert. Die Konstruktion ruht asymmetrisch: Eine Seite stützt sich auf einen blockhaften Stapel von Faltkartons, dessen Schichtung an tektonische Formationen oder raue Landschaftsfragmente erinnert. Die gegenüberliegende Seite wird von einem dünnen Ast getragen. Zwischen beiden Auflagern spannt sich ein Galeriekarton, ausgelegt mit tiefschwarzem Büttenpapier – eine provisorische Oberfläche, die zugleich als fragile „Tabula rasa“ und als Handlungsraum erscheint. Dieses hybride Objekt bewegt sich zwischen Werkbank, Altar, Display und Denkraum und wird so zu einem Ort temporärer Manifestation ohne Anspruch auf Dauer.

Auf dieser Trägerfläche liegen „plan_a“, „plan_b“ und „plan_c“ – dichte Konstellationen aus Silbergelatine-Handabzügen, Ölpastell, Xerografien und Nitro-Pigment-Drucken. Sie erzeugen ein zeitliches Paradox: Sie oszillieren zwischen Entwürfen einer noch ausstehenden Zukunft und den Relikten einer Zukunft, die nie eingetreten ist. Indem die Pläne endgültige Lösungen verweigern, bewahren sie den Zustand des Potenziellen. Sie markieren jenen liminalen Moment, in dem das Denken dem Handeln vorausgeht und die Idee noch Möglichkeit bleibt.

Der Titel rekontextualisiert die mythologische Figur des Prometheus. Seine Wiederkehr vollzieht sich hier jenseits des heroischen Narrativs. Sie zeigt sich im beharrlichen, beinahe sisyphosartigen Akt des Entwerfens – im unermüdlichen Versuch, Strukturen zu entwickeln und Kohärenz zu stiften, obwohl die Möglichkeit ihres Scheiterns der Konstruktion bereits eingeschrieben ist.

Die Installation entfaltet eine subtile Melancholie im Spannungsfeld von visionärer Kraft und materieller Auflösung. Durch den bewussten Einsatz von Karton, Holz und Papier bewahrt das Werk die Verletzlichkeit des Alltäglichen. Es verweigert das Monumentale; seine Elemente bleiben vorläufig, offen für äußere Eingriffe und von der Erwartung ihres eigenen Verschwindens geprägt. „Prometheus Rides Again“ verhandelt weniger den Triumph künstlerischer Schöpfung als die Resilienz des konzeptuellen Denkens – den zutiefst menschlichen Impuls, im Angesicht unvermeidlicher Fragilität immer wieder neu zu entwerfen, zu ordnen und zu beginnen.