ROSY BEYELSCHMIDT
Pandoras Box · 1988

vereister Kopierer, Kältemaschine, Schreibmaschinentisch, 11 Zeitungshalter, 11 Silbergelatinehandabzüge
at: Hahnentorburg Köln, 1988 · Trivial Machines I, Karl Ernst Osthaus-Museum, Hagen, 1992 · Mediale Hamburg, 1993 · Gabriele Münter Preis, Frauenmuseum Bonn, 1995



Mythen tragen Erinnerungen durch die Zeit. Sie erzählen vom Ursprung unserer Sehnsüchte, unserer Ängste und unserer Irrtümer. Ihre Bilder kehren wieder, als hätten sie den Menschen nie verlassen. Sie warnen nicht. Sie erinnern.

Im Mittelpunkt der Installation steht ein Kopierer – Quelle der Bilder, Ursprung ihrer endlosen Wiederkehr. Langsam wird er vom Eis umschlossen. Die Maschine schweigt nicht plötzlich; sie verstummt allmählich. Das Eis bewahrt und entzieht zugleich. Es verhüllt die Quelle, ohne sie auszulöschen.

Zu seiner Rechten und zu seiner Linken stehen zwei fotografische Erscheinungen. Vielleicht Licht und Schatten. Vielleicht Anfang und Ende. Vielleicht nur zwei Möglichkeiten, den Menschen zu sehen. Zwischen ihnen entsteht ein Raum, in dem sich das Sichtbare und das Verborgene berühren.

Aus der Quelle treten Fragmente hervor – zerteilte Fotografien, festgehalten in Zeitungsstöcken. Erinnerung erscheint nicht als Ganzes. Sie zerfällt in Bilder, die sich voneinander lösen, sich überlagern und wieder verschwinden. Was eben noch Gegenwart war, wird Nachricht. Was Nachricht war, wird Archiv. Was bleibt, ist Fragment.

Der Titel spricht Pandora an. Nicht, um das Gefäß zu öffnen, sondern um es endlich zu schließen. Als gäbe es einen Augenblick, in dem der unaufhörliche Strom der Bilder, der Wiederholungen und der Verletzungen zur Ruhe kommen könnte.

Doch die Schließung geschieht nicht von selbst.

Die Besucher bringen sie mit sich. Ihre Anwesenheit verändert die Luft. Die Feuchtigkeit sammelt sich am kalten Körper des Kopierers und wird zu einer wachsenden Schicht aus Eis. Jeder hinterlässt eine kaum sichtbare Spur. Jeder trägt dazu bei, dass sich die Quelle langsam verschließt.

Vielleicht ist Erkenntnis nichts anderes als dieser lautlose Vorgang: dass das, was unaufhörlich Bilder hervorbringt, eines Tages von der Zeit selbst umhüllt wird.